22. August 2023

Geständnis einer Minimalistin: Ich lebe zurzeit im Chaos!


Eigentlich möchte ich nicht nur anderen zeigen, wie toll Slow Living, Minimalismus und Nachhaltigkeit im Alltag sind, sondern diese Prinzipien auch selbst leben - weil ich davon überzeugt bin, dass uns das einfache Leben in dieser hektischen, komplexen Welt unheimlich guttut. Und trotzdem herrscht bei mir zu Hause gerade Chaos. Warum das so ist und was das für mich bedeutet, erfährst du in diesem Blogartikel.


Vorstellung und Wirklichkeit

Wenn man an Minimalismus denkt, sieht man sofort aufgeräumte, in hellen Tönen spartanisch eingerichtete Räume vor sich. Jeglicher Besitz ist hinter Schranktüren und in Schubladen unsichtbar verstaut. Nichts belagert die horizontalen Flächen, außer sparsame Dekorationen, vorzugsweise aus Naturmaterialien. Zwischen den Möbeln ist viel Licht und Luft. Auch Tische und Arbeitsflächen sind frei und sauber. Man könnte sich jederzeit entspannt mit einer Tasse Tee in den Sessel mit der lässig übergeworfenen Decke setzen und die aufgeräumte, übersichtliche Wohnung zufrieden genießen. Diese Vorstellungen sind sicherlich ein Teil der Verlockung von Minimalismus. Aber ganz ehrlich: bei mir zu Hause sieht es gerade ganz anders aus.

Der Boden ist oft übersät mit Spielkarten, Büchern und Bauklötzen - so, dass man kaum noch laufen kann. In der ganzen Wohnung sind Kleidungsstücke verteilt, saubere und schmutzige. Schranktüren stehen regelmäßig offen und offenbaren ihr überfülltes Innenleben. Überall Stifte, Geschenkbänder, Holzperlen, Kisten und Kartons in allen Größen. In meiner Wohnung häuft sich zurzeit der Besitz - und trotzdem bezeichne ich mich als Minimalistin. Wie passt das zusammen?


Das Chaos und seine Ursachen

Du hast es wahrscheinlich schon geahnt: Ich lebe mit einem Kleinkind zusammen. Das Kind hat eigene Vorstellungen von Ordnung und Konsum, von haben-wollen und machen-können. Das ist alles okay und hat seine Berechtigung, aber es erschwert es mir sehr, meine Wohnung minimalistisch zu gestalten. Es darf zu Hause (fast) alles machen, was nicht gefährlich oder ungesund ist. Es gibt Grenzen, und die werden - notfalls mit Diskussion - auch eingehalten. Aber es gibt eben auch Dinge, auf die ich keinen Einfluss habe oder haben möchte. Vor allem beim Spielen möchte ich so wenig wie möglich eingreifen und vorgeben.

In den letzten Wochen habe ich mich immer wieder gefragt, warum wir so viel besitzen. Dafür gibt es mehrere Gründe:

  • Geschenke: Wir kommunizieren vor Anlässen zwar, was wir brauchen oder mögen, aber es gibt ja auch spontane Geschenke, und nicht jede:r möchte einen Vorschlag haben.
  • Ersatz: Wir kaufen manche Dinge doppelt, damit wir nicht erst wieder recherchieren müssen, wo etwas herkam, falls es kaputtgeht.
  • Vielfalt: Bei manchen Spielsachen oder Kleidungsstücken macht es einfach Sinn, sie für Kinder in mehrfacher Ausführung parat zu haben.
  • Geschwister: Bei manchen Dingen ist es auch sinnvoll, ein Exemplar pro Kind zu besitzen - auch wenn sie eigentlich nie zeitgleich damit spielen.

Wenn man genau hinsieht, haben also selbst die Gegenstände, die wir mehrfach besitzen, alle einen Zweck. Es sind viele, aber nicht unbedingt unnötige Gegenstände. Kinder haben so viele verschiedene Beschäftigungsfelder - im Spiel erfüllt jeder Gegenstand irgendeinen Zweck. Ich als Erwachsene kann mich vielleicht auf zwei oder drei Hobbys festlegen und auch nur das entsprechende Zubehör besitzen. Kinder wechseln aber noch so häufig ihre Lieblingsbeschäftigungen, und nicht selten wird auf einmal ein Gegenstand vermisst, von dem ich dachte, er sei in Vergessenheit geraten.

Das heißt, das Chaos hat eigentlich zwei Ursachen: Unser Besitz hat sich in relativ kurzer Zeit relativ stark vergrößert, und unser Besitz bleibt nicht einfach dort, wo ich ihn hin sortiert und unsichtbar gemacht habe.


Und jetzt?

Um meinen Ansprüchen als Minimalistin gerecht zu werden, kann ich mir die Definition von Minimalismus noch einmal genauer anschauen: Es geht darum, sich auf das Wesentliche zu beschränken. Aber was genau „das Wesentliche“ ist, kann jede:r selbst festlegen. Ich möchte diese Definitionslücke nicht als Ausrede missbrauchen, aber ich kann mich dadurch auch im Chaos immer öfter entspannt zurücklehnen. Es ist ein Prozess, aber ich werde in dieser Hinsicht gelassener, seit ich mit Kindern zusammen lebe.

Denn auch wenn man im Außen momentan wenig davon sieht, meine innere Haltung ist trotzdem minimalistisch: Wir besitzen immer noch deutlich weniger Spielzeug und Klamotten, als ich es bei anderen schon gesehen habe. Wir wägen bei den meisten Käufen genau ab, was wir brauchen. Und wir verkaufen oder verschenken regelmäßig Dinge, die wir nicht mehr brauchen.

Vielleicht entspricht meine Auslegung von „Minimalismus“ auch eher dem Konzept des „Essentialismus“: Während Minimalismus sich oft eher auf die Reduzierung von äußerem Ballast konzentriert, zielt Essentialismus darauf ab, unsere Aufmerksamkeit, Zeit und Energie auf die Dinge zu lenken, die wirklich bedeutsam sind. Es gibt aber auch hier keine starren Vorgaben oder genaue Anhaltspunkte - die Definitionen sind schwammig und die Konzepte gehen ineinander über. Ich finde, dass sich „Minimalismus“ besser aussprechen lässt und schon weiter verbreitet ist.

Ich werde also weiterhin darüber hinwegsehen, dass sich Besitz anhäuft und zurzeit Chaos herrscht. Minimalismus ist ein Prozess. Mit meiner inneren Haltung und dem Wissen, dass das momentan nur eine Phase ist, kann ich mich trotzdem ruhigen Gewissens als Minimalistin bezeichnen.

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  1. Liebe Sina – ich bin nun 19 Jahre Mutter eines Kleinkinds – heisst 4 Kinder wummern meine Ordnung tagtäglich gekonnt über den Haufen. Ich bin die mit den angeschriebenen Boxen – jede Trofast Box hatte einen Zweck: Lego, Bruder oder Polly Pocket. Ich versuchte die Ordnung täglich wieder her zustellen, weil Unordnung mich das unkontrollierbare Leben noch mehr spüren liess – nur machte es mich auch super frustriert und müde. In der Zwischenzeit bin ich milder mit mir und den 1000 Dingen, die meine Kinder tagtäglich umplatzieren und streuen. Ich pendle irgendwo bei 60-80 % Ordnung abends wenn die Kinder im Bett sind und weiss, dass ich diese Unordnung halten kann ohne schlechte Laune zu bekommen – meine total sortierte Wohnung auch in den Boxen im Schrank wird wieder kommen, die Zeit wo die Kissen am Sofa morgens gleich ordentlich am Sofa sitzen wie abends, so wie die Barbies, Puzzles und Legosteine auch wieder aus meinem Alltag auszogen, denn das mit dem minimalsitsischen plastikfreien Spielzeugen fanden meine Kinder nicht so sexy wie ich selber, sie klopften mich weich und ich bin nun auch milder mit mir selber;)

    1. Liebe Gertrud,
      danke für deine Schilderung – schön zu hören, dass es anderen genauso geht! Die 60-80% Ordnung sind an manchen Abenden eine Herausforderung, aber ich brauche sie auch, um einigermaßen sortiert in den neuen Tag zu starten.
      Liebe Grüße, Sina

  2. Liebe Sina, oh ich kann mich richtig in dich hineinversetzen. Meine Kinder sind nicht mehr ganz klein (10 und 13), aber besonders als sie kleiner waren, hatten wir ähnliche Themen: Geschenke von außen (jeder will ja dem Kind was Gutes tun und nicht mit leeren Händen kommen) und auch das Thema, Dinge lieber doppelt zu besitzen. Wir sind weit weg von Minimalismus, aber der Begriff Essenzialismus spricht mich an, denn genauso ist es bei mir: sich auf das zu konzentrieren, was gerade wirklich zählt.

    Danke für diesen Artikel und liebe Grüße!

    Danielle

    1. Liebe Danielle,
      sehr beruhigend zu hören, dass es auch besser wird, wenn die Kinder älter werden. Danke für deinen Kommentar!
      Liebe Grüße, Sina

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Hey, ich bin Sina. Ich bin überzeugt davon, dass wir mit dem Konzept „Slow Living“ entspannt und zufrieden leben können. Eine achtsame, nachhaltige Lebensweise kombiniert mit einem guten Zeitmanagement entschleunigt unseren Alltag langfristig - quasi natürlich.

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